BLINDENFÜHRHUNDSCHULE Maik Schubert


Diverses

Geschichten um "Karli"

08.06.1999 - 24.06.2004



"Wo ist eigentlich "Karli"?
"Ist er nicht im Flur"?
"Ich dachte er ist im Keller".
"Im Garten ist er auch nicht".
Die Pforte steht halb offen und Karli ist offensichtlich entwischt. Ich suche auf dem Feld, beim Schäferhund Arco, gehe wieder nach Hause. Inzwischen ist Karli wieder aufgetaucht.

Am Abend klingeln die Nachbarn Lenkeits.
"Wir bringen Karli, er lief auf der Straße herum".
Die Pforte ist wieder offen. Da die Pforte nur nach innen aufgeht, kann Karli sie nicht aufgemacht haben. Wir beschuldigen uns gegenseitig. Auch Karli beteuert vehement seine Unschuld. In der Nacht hat es geschneit. Wieder steht die Pforte halb offen und Karli ist verschwunden. Er hat nicht einmal ein Halsband um. Ich verfolge Hundespuren bis zu Halkos, zurück bei Arco vorbei. Karli war von der anderen Seite wieder nach Hause gekommen, in Begleitung des braunen Jagdhundes aus der Zillestraße, der oft frei herumläuft.

Nun wissen wir, warum Karli abgehauen ist. Aber wer macht die Pforte auf? Will uns jemand einen Schabernack spielen?
Nachmittags ruft die Lenkeit-Oma über den Zaun: "Auf der Straße spielen zwei Hunde, der eine sieht aus wie Karli". Und wirklich. Die Beiden spielen vor Lenkeits Haus. Ich rufe Karli und er kommt schuldbewusst angelaufen. Der Jagdhund macht sich davon. Nun ist es mir auf einmal klar. Der Jagdhund hatte von außen die Pforte geöffnet, Karli besucht und Karli hatte ihn nach Hause begleitet.

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Wir haben Besuch. Dietmar Miersch mit Führhund Quentin, auch ein Labrador, aber etwas kleiner als Karli. Die Hunde sind sich sofort sympathisch, toben ausgelassen im Garten herum. Quentin springt auch in den Gartenteich, was wir bei Karli mit Erfolg unterbunden hatten. Hoffentlich merkt das Karli nicht.
Reinhard und Dietmar wollen mit den Hunden einen Spaziergang in den Branitzer Park machen, denn Karli kennt inzwischen die Wege.
Als sie nach zwei Stunden noch nicht zurück sind, werde ich unruhig und schwinge mich auf mein Fahrrad. Nichts zu sehen von den Beiden. Ich frage Leute. "Ja, die haben wir vorhin bei den Pyramiden gesehen". Aber auch da sind sie nicht mehr. Ich frage ein Ehepaar: "Haben sie zufällig zwei Männer mit zwei schwarzen Hunden gesehen"? "Ja, da waren vorhin Zwei mit Hunden, die haben sich am Schloss die Säulen angesehen". Schließlich langten sie wieder zu Hause an. Karli hatte sich von Quentin ablenken lassen. An den Säulen hatte Reinhard schließlich erkannt, wo sie waren.

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Hinter unserem Grundstück fließt- mehr oder weniger- ein Graben. Friedrich hat eine Brücke darüber gebaut, damit Reinhard ihn bequem überqueren kann, wenn er mit Karli auf das Feld geht.
Es ist 22.30 Uhr. Reinhard ist mit Karli unterwegs. Auf einmal höre ich aus dem Keller ein klägliches Rufen. Neben Karli steht Neptun, alias Reinhard, über und über mit Entengrütze bedeckt. Er hatte vorher ein Bierchen getrunken, auf der Brücke die Balance verloren und war rückwärts in den Graben gefallen. Schnell die nassen Sachen vom Leib. Darunter war der ganze Körper schwarz von den stinkenden Schlamm. Nun hatte er die Lacher auf seiner Seite.

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Wenn "Herrchen" Reinhard an einem Langstreckenlauf teilnimmt, betreut ein Familienmitglied Karli. Das ist nicht immer einfach. Ging er anfangs stur an Hunden vorbei, regt er sich neuerdings bei einigen Hunden furchtbar auf.
Bei dem Cottbus Parklauf am 26.10. 2002 hatte ich Karli an der Leine, während Herrchen seine 10 km lief. Ich sah schon, wie er in Hab-Acht-Stellung ging, als sich ein Hund näherte. Als dieser auf seiner Höhe war, machte Karli einen Satz und bellte den Hund an. Ich wäre beinahe in den Matsch gefallen, hatte Mühe den starken Hund zu halten.

Besonders abends wenn er auf dem Feld Freilauf hat, sieht er dies als sein Revier an und bellt neuerdings Hunde und Leute an. So hatte ich einige Bedenken, wie er sich wohl im Trainingslager am 1.-3.11.2002 in Harrachov (Tschechei) verhalten würde.
Alles verlief vorbildlich. Natürlich war er gleich aller Liebling. Abends legten wir ihm einer Decke neben Reinhards Bett, die er sofort akzeptierte. Nachts war von ihm nichts zu hören, nicht einmal sein übliches Schnarchen.
Aber als ich morgens meine Augen aufmachte, glaubte ich ihnen nicht zu trauen. Er hatte es sich auf einer Liege, die zur Aufbettung gedacht war, bequem gemacht und schaute uns von oben her erwartungsvoll an. Wir legten ihm eine Decke auf die Liege, die von nun an sein Lager war.
Als die Männer trainierten, wanderten wir Frauen, natürlich mit Karli. Unterwegs ging er brav an Hunden vorbei. Als wir aber einem Mann mit zwei großen Hunden begegneten, sah ich schon, wie er sich steif machte. Eingedenk Reinhards Rat, hielt ich ihm die Schnauze zu und drehte seinen Kopf zur anderen Seite. Er versuchte zwar sich zu befreien, da es ihm aber nicht gelang, gab er auf und bellte auch nicht, als die Hunde vorbei waren.
Auf einer Wiese tollten zwei Hunde herum, die bedenklich näher kamen. Ich band Karli los, um ihm die Chance zu geben, Aggressionen aus dem Weg zu gehen. Fröhlich tobte er mit den Hunden auf der Wiese herum. Als ich ihn rief, weil wir weitergehen wollten, kam er folgsam hinter uns her. Aber die Hunde wollten weiter mit ihm spielen, und die Herrchen mussten uns nachlaufen, um ihre Hunde wieder einzufangen. Insgesamt kann man sagen, hat sich Karli hervorragend verhalten.

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Karli leckt sich seine Pfote. Wir schauen nach. Der "Daumen" steht bei ihm sehr weit ab, tut ihm weh, wenn man daran kommt. Ein Nagel hat sich gespalten.
Ehe sich etwas entzündet, wollen wir lieber zum Tierarzt fahren. Aber heute ist Samstag. Aus der Zeitung erfahren wir, das unser Tierarzt Dr. Fehler von 10 - 12 Uhr Bereitschaft hat.
Karli liegt ganz brav im Warteraum bis ein Mann mit einem Retriever hereinkommt, der sich wie wild gebärdet. Karli möchte natürlich zu ihm hin, mitspielen. Aber nach Reinhards energischem "Platz" setzt er sich wieder hin, versucht es aber immer wieder.
Endlich sind wir an der Reihe. Die Ärztin will die Pfote untersuchen. Die Schwester nimmt den Karli zwischen die Beine, um ihn festzuhalten. Reinhard, der dahinter steht, will Karli beruhigen: "Fein" und klopft ihm aufs Hinterteil.- Leider war es nicht Karlis sondern der Schwester ihr Hinterteil.

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Karli und Liesa

Obwohl Karli besonders im Dunkeln manchmal bellt, wenn er Leute oder einen Hund an der Leine trifft, ist er ausgesprochen friedlich. Er tobt gerne mit Hunden, wenn aber ein Weibchen ihn in die Schranken weist, zieht er sich zurück.
Nachbars Liesa ist eine temperamentvolle Hündin, die sofort jeden Besucher verbellt. Auch wenn wir am Gartenzaun schwatzen, schimpft sie. Vermutlich möchte sie nur zu uns herüber. Wenn ich nämlich auf Nachbars Grundstück bin, ist sie völlig friedlich. Aber Karli mag das Gebelle nicht. Er straft sie mit Nichtachtung.

Wir sitzen auf der Terrasse, als Lenkeits mit Liesa zu uns kommen. Karli sieht sie einen Moment an, dreht sich stolz um und schreitet davon.
Wenn er mit bei Lenkeits ist, darf er auch frei herumlaufen. Aber Liesa achtet darauf, das er nicht in ihren Bereich kommt. Dafür hat Karli sich den Gartenzwerg herausgesucht und untersucht ihn, ob er essbar ist. Er schnappt sich bei Maria auch immer Stofftierchen. Er manscht aber nur darauf herum, zerstört es nicht.

Wir sitzen gemütlich bei der Geburtstagsfeier im Wohnzimmer, Karli brav unter dem Tisch, wie er es gelernt hat. Lenkeits kommen mit Liesa, für Karli unerwartet herein. Liesa will auch unter den Tisch. Das reicht Karli, es ist sein Revier. Er erhebt sich ruckartig und gibt unmißverständlich Warnlaute von sich. Liesa respektiert das und zieht sich zurück. Bei dem Ruck von Karli sind allerdings alle Kaffeetassen übergeschwappt.
Auch wenn die beiden sich auf dem Feld treffen, beachtet er sie kaum.

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Wir waren beim Amt und gehen durch die Spree-Galerie. Hier kennt sich Karli aus, denn Reinhard kauft oft Sportsachen bei Runners Point. Die Geschäfte haben ihre Sportsachen außerhalb der Geschäfte aufgebaut. Karli hebt sein Bein und pinkelt einfach an die Textilien. Peinlich. Ich tue, als wenn ich nicht dazugehöre.

Ähnlich geht es mir mit Quentin bei der Sommerfeier vom Blindenverband. Er muss mal pullern, also gehe ich mit ihm Gassi. Wir müssen an mehreren Tischen vorbei. Ein Mann sitzt bei Kaffee und Kuchen, hat bei der Wärme sein Jackett über die Stuhllehne gehängt. Plötzlich hebt Quentin sein Bein und pinkelt in die Jackentasche. So makaber es klingt, aber ich bin froh, das die Leute am Tisch blind sind.

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24.06.2004

Wir wissen gar nicht, wie wir damit umgehen sollen. Die Aufarbeitung wird sicher noch lange dauern. Kein freundliches Wedeln wenn wir nach Hause kommen, kein "Karli wo ist dein Stöckchen"? und er brachte seinen Ball, den er uns allerdings nicht gab. Manchmal sprang er wie ein Ziegenbock auf dem Rasen herum, um uns zum Spielen aufzufordern. Aber auf das Kommando "Nein" gab er mir brav sein Spielzeug.

Noch schlimmer sind die Erinnerungen an seine letzten Stunden. Bei "Vita" waren wir aufgrund ihres Alters auf ihr Ende vorbereitet. Der Tierarzt hat sie schmerzlos eingeschläfert, um ihr Qualen zu ersparen.

Rückwirkend versuchen wir uns zu erinnern, wann Karli anfing sich zu verändern. In den letzten Wochen war er etwas ruhiger geworden, trotzdem aber noch lauffreudig und verspielt. Am 11.06. hatte er Schwierigkeiten beim Aufstehen. Sein linkes Bein lahmte. Wir führten es darauf zurück, das er mit Renn's Jagdhund auf dem Feld getobt und sich dabei etwas verrenkt hatte. Der Tierarzt gab ihm eine Spritze und Tabletten, es wurde besser. Aber Karli war noch immer etwas vorsichtig beim Laufen.

Am 17.06. waren wir in Komptendorf zum Geburtstag. Er lag brav unter dem Gartentisch. Einmal stieß er sich mit dem Kopf beim Aufstehen. Das starke Nasenbluten am nächsten Tag führten wir darauf zurück, gingen trotzdem am Freitag, 18.06., wieder zum Arzt. Der wußte auch nicht genau was die Ursache war, gab blutdrucksenkende- und Blutgerinnungsspritzen. Das Bluten hörte nach einigen Stunden auf.

Am Montag schien es sich zu bessern. Die Ärztin untersuchte ihn, konnte nichts feststellen. Allerdings hatte Karlis Verhalten sich insgesamt verschlechtert. Er lag traurig auf seiner Decke, sah einen mit dunklen Augen hilfesuchend an. Da Karli keine Zimpersuse war und auch bei Spritzen nicht jaulte, war nur an diesem Verhalten zu erkennen, das etwas nicht in Ordnung war.

Am nächsten Tag wollten wir mit ihm in die Stadt, stiegen aber nach einer Station aus dem Bus aus, weil er apathisch war. Gleich fuhren wir wieder zum Tierarzt. Dieses Mal wurde gründlich untersucht. Blutbild war in Ordnung, Röntgen war in Ordnung, außer Pünktchen in der Lunge. Diagnose: Bronchitis. Sein Atem ging schwer. Also wieder Antibiotika, diesmal stärkere, seinen Napf hat er noch ausgefressen.

Mittwoch wieder Antibiotika. Nachmittags bellte er noch kurz Besucher an, zog sich dann aber ins Haus zurück. Er hatte schon mittags nichts mehr gefressen. Abends auch nicht. Selbst die Rinderbrühe nahm er nicht an. Etwas Trinken, aus der Hand angeboten, brach er wieder aus.

Gegen 3 Uhr früh versuchte er sich zu bewegen, schrie auf einmal furchtbar wie ein Mensch. Dann beruhigte er sich wieder, konnte sich aber nicht ohne Schmerzen bewegen. Wir wechselten uns mit Streicheln ab, riefen früh den Tierarzt an. Lenkeits halfen uns. Karli ins Auto zu hieven. Unterwegs schrie er auf einmal wieder erbärmlich. Dann war Ruhe. Die Schwester beim Tierarzt stellte den Tod fest.

Um die Ursache für seinen frühen und unerwarteten Tod festzustellen, sind wir mit dem ebenfalls ratlosen Tierarzt einig: Wir möchten eine Obduktion. Es war Krebs.
Nun können wir Karli leider nicht mehr begraben. Das Haus ist ohne ihn sehr leer. Für Reinhard ging nicht nur ein Stück Lebensqualität verloren. Für uns alle ging ein liebes, friedvolles und anhängliches Familienmitglied. Wir hatten viel Freude mit ihm.